Gründerporträt: Michael Raschke – Blickshift

Michael Raschke vom Startup Blickshift aus Stuttgart, das Blickverhalten analysiert, profitiert davon, dass sich im Umbruch der Autobranche völlig neue Fragen stellen.

Michael Raschke ist ganz weit weg von Stuttgart gewesen, auf einer Wissenschaftskonferenz in Santa Barbara in Kalifornien, als er im Jahr 2012 so richtig begriff, dass die Autobranche seine Zukunft sein könnte. „Ich war zu einem Vortrag zum Thema Visualisierung eingeladen – und da kam ein Vertreter eines Autounternehmens auf mich zu und sagt: Genau Ihre Idee könnten wir gebrauchen!“ Den Unternehmensnamen nennt er nicht. So offen wie im Silicon Valley geht es im Innovationsbiotop Baden-Württemberg dann doch nicht zu.

Eigentlich sollte die Technologie, die seit 2016 in das Stuttgarter Startup Blickshift gemündet ist, ein wissenschaftliches Problem lösen. Raschke war seit 2009 Doktorand am renommierten Institut für Visualisierung und interaktive Systeme der Universität Stuttgart und beschäftigte sich mit dem menschlichen Blickverhalten. „Und da stellten wir fest, dass wir unsere Fragen nicht mit den bestehenden Analysesystemen beantworten konnten“, sagt er. Die bei der Blickerfassung entstandenen Daten sollten – wiederum durch optische Aufbereitung – transparent und verständlich zu machen.

Automatisiertes Fahren sorgt für eine Datenflut

Schon immer war das Blickverhalten eines Fahrers für die Autobranche eine wichtige Fragestellung. Doch mit dem  Thema automatisiertes Fahren begann sie in einer Datenflut zu ertrinken, weil hier die Interaktion von Mensch und Fahrzeug viel intensiver studiert werden muss als bisher. „Sie haben da Fahrexperimente mit manchmal mehr als hundert Probanden, die viele Stunden im Fahrzeug verbringen“ sagt Raschke.

Sein Analysewerkzeug fürs Blickverhalten kam genau zur richtigen Zeit: Die Autobranche ist hungrig nach neuen, oft sehr speziellen IT-Lösungen. Und auf einmal ist ein Startup wie Blickshift hochinteressant. Für Raschke und seine beiden Mitgründer ist der Umbruch eine riesige Chance. Dass er vom Wissenschaftler zum Gründer wurde, zeichnete sich allerdings schon lange ab. Bereits während seines Studiums nahm Raschke im Jahr 2006 an einem Gründerkurs der Universität Stuttgart-Hohenheim teil. „Ich wollte einfach mal wissen, wie das geht“, sagt er. Erst der Gründungswunsch, dann das Team und dann die konkrete Gründungsidee, so lautete die Reihenfolge – die übrigens für viele Startups typisch ist.

Michael Raschke fasziniert die Teamarbeit

„Als wir Blickshift gegründet haben, haben wir uns erst einmal gemeinsam gefragt: Warum wollen wir das tun?“, sagt Raschke. „Bei mir war es so, dass es mich immer fasziniert hat, mit Menschen an einem Projekt zu arbeiten.“ Seine zwei Mitgründer hatten etwas andere Antriebe. Sein Kollege, der schon während des Studiums als Softwareentwickler gearbeitet hatte, sucht die kreative Freiheit. Und Gründer Nummer drei? „Der hat gesagt: Alle finden Gründen gut und wichtig. Einer muss es am Ende auch machen,“ erzählt Raschke.

Er hat erfahren, dass die Offenheit für kreative, umtriebige Typen wie ihn und sein Team in der Autobranche gewachsen ist: „Die großen Firmen wissen heute, dass es sinnvoll ist, mit Leuten zusammenzuarbeiten, die auch einmal quer denken.“ Auf Netzwerkveranstaltungen treffe man immer mehr Manager: „Die Vorstände sind sehr interessiert und offen. Das hat sich in den vergangenen fünf Jahren geändert.“

Der Startup-Standort Stuttgart hat sich gemausert

Als er im Jahr 2011 angefangen habe, sich in der Stuttgarter Gründerszene umzuschauen, sei das so genannte Gründergrillen noch die einzige regelmäßige Veranstaltung gewesen: „Da habe ich mich auf eine wackelige Bierkiste gestellt und meine Idee präsentiert.“ Heute gebe es zahllose Events dieser Art. Im Jahr 2016 war Blickshift beispielsweise bei der von Daimler initiierten Startup Autobahn dabei, wo man im Rahmen eines mehrmonatigen Programms zusammen mit Experten des Automobilunternehmens am eigenen Produkt feilen konnte.

Michael Raschke ist Optimist, gerade deshalb, weil er glaubt, dass der Weg zum wirklich autonomen Fahren noch steinig und länger sein wird als viele glauben. Blickshift profitiert nämlich insbesondere von der Übergangsphase, bei dem Mensch und Automobil immer noch aufeinander abgestimmt sein müssen. Denn gerade wenn die Automatik schon einige Funktionen übernimmt, etwa die Spur und den Abstand hält, ist es extrem wichtig zu wissen, wohin die Blicke des Fahrers schweifen. Aber auch längerfristig sieht er viele Perspektiven. Wenn erst einmal die Blicke des vom Lenken entlasteten Fahrers frei im Auto herumwandern und an den diversen Entertainmentangeboten und sonstigen Zerstreuungen hängen bleiben dürfen, sei eine präzise Analyse des Blickverhaltens beispielsweise für die optimale Innenraumgestaltung noch wichtiger als heute, meint Raschke.

Der beste Ort für Innovationen im Automobilbereich

Stuttgart ist für den Physiker und Informatiker der beste Ort der Welt, um Technologien rund ums Automobil voranzubringen. „Egal, wo sie hier wohnen, sie haben immer zwei oder drei Nachbarn, die mit der Autoindustrie zu tun haben.“ Er selbst ist gebürtiger Bad Cannstatter, ist in der Region verwurzelt und will wie seine Mitgründer auch nicht wegziehen. Mit Stuttgart, München und Ingolstadt liegen Autohersteller in Reichweite, die sich als globale Technologieführer verstehen. Süddeutschland sei so etwas wie das Silicon Valley der Autoindustrie: auf zahllosen Veranstaltungen sei es inzwischen ein leichtes, Kontakte zu Kunden und Experten zu knüpfen.

Er will nicht egomanischer Welteroberer, sondern Partner sein: „Es macht sehr viel Spaß, in dieser Umbruchphase mit den Profis aus der Autoindustrie zusammenzuarbeiten“, sagt er. „Ich bewundere schon die deutsche Ingenieurkunst, die Akribie, dass alles sicher ist.“ Er glaubt deshalb, dass trotz des rasanten Fortschritts und allen Slogans von der so genannten „Disruption“ und der Startup-Kultur es immer noch einen Platz gibt für eine für die Region typische Unternehmensphilosophie. „Schritt für Schritt“, so lautet seine Devise. „Aktuell liegt der Fokus auf dem Aufbau des Vertriebs und der Weiterentwicklung der Produkte. Mit Investoren sprechen wir hin und wieder. Als Startup verfolgen wir allerdings mehr die schwäbische Tradition.“

Michael Raschke will die permanente Weiterentwicklung

Immer noch reicht bei Blickshift für die drei Teammitglieder ein kleines Büro im  Code-n-Innovationscampus in Stuttgart-Fasanenhof. „Wir sind dabei, die Dinge permanent weiterzuentwickeln. Wir müssen Alltagsprobleme lösen, Kunden finden, müssen schauen, dass der Cashflow stimmt – da kann man sich nicht immer mit großen Metafragen beschäftigen.“

Klar, immer wieder würden inzwischen potenzielle Investoren oder Aufkäufer ihre Visitenkarten bei ihm abwerfen.: „Das hört man sich an. Sagt danke. Und macht weiter.“

Allein am Wohl und Wehe der Autoindustrie hängt das Startup sowieso nicht. Die Technologie von Blickshift hat Möglichkeiten weit über den Automobilbereich hinaus, etwas als Analysewerkzeug für die Medizin oder in der Marktforschung. Der Blick mit den Augen wird außerdem zunehmend zu einer Methode, mit dem sich Computer und andere Geräte steuern lassen. Ein Unternehmen, das Daten rund um das menschliche Sehverhalten aufzubereiten versteht, blickt deshalb in die Zukunft – so oder so.